zurück zur Startseite
Zur 5. Kölner Musiknacht
Grussworte
Alte Musik in Köln
Glockenvigil
Alle Veranstaltungsorte der Kölner Musiknacht im Überblick
Zeiten
Alle Ensembles der Kölner Musiknacht im Überblick
Stadtplan
Grussworte
Live im Kulturradio WDR 3
Impressum

Archiv





Ein Zwischenruf

"Alte Musik" hat Konjunktur und ist "im Schwange", denn sie ist ja auch so vielseitig: Überall groovt es im Basso bis an die Grenzen des Hässlichen, selbst- verliebte Krummhörner pusten uns die Reformationszeit ins Wohnzimmer, in französischen Kathedralen wie deutschen Esoterik-Läden summt uns leise Roswitha von Gandersheim (von deren Kunst man übrigens nicht eine einzige Note, geschweige denn ein Intervall kennt) ins Ohr, und wöchentlich wird die "Kunst der Kastraten" irgendwo und irgendwie, vor allem aber im nachvoll- ziehenden Feuilleton, "wiederbelebt" – ohne echte Kastraten wohlgemerkt!

Kaum eine Sparte des Klassik-Kuchens ist so von Event-ualisierung, Karnevalisierung und Life-stylisierung bedroht wie die "Alte Musik". In ihrem sich immer schneller drehenden Karussel mangelt es ganz offenbar nicht nur an philologischen Qualitäten, sondern vor allem an der Einsicht, dass es sich nicht um klingendes heutiges "real life" handelt, sondern um Kunstwerke, die wir im "distant mirror" sehen und deuten müssen, eingebunden in die ästhetischen Befindlichkeiten erst einmal ihrer Zeit.

Auf den Etiketten von Schallplatten und CDs war der Name "Köln" seit 1960 in aller Welt so etwas wie ein Geheimtipp für fabelhaftes Musizieren und augenblickliches Umsetzen jeglicher wissenschaftlicher Erkenntnisse: der "Cappella Coloniensis" folgte das "Collegium aureum" und in der zweiten Generation "Sequentia", "Musica antiqua" sowie "Concerto" – und auch die Karriere so mancher franko-flämischer Ensembles wurde von Kölner Schreibtischen aus befördert.

Die Maßstäbe sind hoch gesetzt, die Erwartungen ebenso. Nun liegt es an der "dritten Generation", in die sich allenthalben auftuenden Freiräume vorzudringen, nicht aber nur "Nischen" zu entdecken, sondern klassische Valeurs – nur scheinbar ein Widerspruch – zu erarbeiten. Die "kulturelle Stadt- Möblierung" – Musik in Scheunen und Hinterhöfen – ist dabei das denkbar ungeeignetste Instrument: Eigen-Initiative ist gefragt, nicht "Sendungs- Bewusstsein", aber auch tiefstes Interesse an den Lebenszeichen aus längst vergangener Zeit.

"Die Vergangenheit erkennen, um die Gegenwart zu verstehen – und die Zukunft zu gestalten" ist Sinn und Zweck jeglichen Arbeitens an histori- schen Objekten – und nichts anderes ist eben auch "Alte Musik". Aber den jungen Musikern "de Cologne", deren Treiben ich von Ferne und peripher beobachte, was ganz anderes ins "Poesie-Album" (es ist in goldenen Lettern an einem der zahlreichen Stadttore Danzigs eingemeißelt): "Einigkeit macht kleine Dinge groß – Zwietracht aber große Dinge klein."

Reinhard Goebel